Der Wecker war zu leise

„Heute ist tatsächlich Welt-Schlaftag! Also mein heiligster Feiertag!“ postete die Popdiva Balbina neulich auf ihrer Facebook-Seite. Bei so einem passionierten Murmeltier verwundert es nicht, wenn einer der Songs auf ihrem gefeierten zweiten Album „Über das Grübeln“ von 2015 den Titel trägt: „Der Wecker ist zu leise.“

Wer das Lied nicht kennt, könnte meinen: Gottseidank, hat sie den Wecker überhört. Denn sonst wäre sie aus ihrem geliebten Schlummer aufgeschreckt. Aber Balbina wäre nicht Balbina, wenn die Lyrics nicht doch etwas vertrackter wären.

Die 1983 geborene Sängerin hat sich in den vergangenen Jahren vom Geheimtipp zur wegweisenden Größe der neuesten deutschen Welle gemausert. „Der mutigste Popact, den Deutschland gerade hat“ – textete der Bayrische Rundfunk anlässlich des Erscheinens ihres dritten Albums „Fragen über Fragen“ Anfang März 2017. Und Spiegel online feiert Balbina gar als Gesamtkunstwerk. Sie komponiere „großartige Melodien zu einer Textlyrik, die in der deutschen Poplandschaft einzigartig ist“. Darüber hinaus kontrolliere sie selbst, wie sie in der Öffentlichkeit erscheine, von der Bühnenshow bis zum Outfit. Größer könnte das Lob fast nicht ausfallen.

Was aber macht ihre Musik so besonders? Den Flair ihres zweiten Albums „Über das Grübeln“ charakterisierte Spiegel online 2015 als „fremd und berückend“ gleichzeitig. Das gilt auch für den Titel „Der Wecker ist zu leise“: ein Song über eine kranke alte Frau.

Das Lied beginnt mit den Worten: „Ein Schlauch in der Nase schickt mir Luft zum Atmen“. Die Frau erinnert sich an ihr Leben und bedauert, die Zeit nicht zurückdrehen zu können: „Zurückspulen geht nicht, ich sehn mich nach Seifenblasen“. Dann geht die Alltagsschilderung über in eine Aussage über die existentielle Situation des Menschen: „Sitze am Zeitfenster so verändert / Der Körper ein schwerer Mantel, bin zu jung zum Alt sein“.

Spätestens beim ersten Refrain ist klar: Natürlich war es nicht ein normaler Wecker, der zu leise war, sondern die Mahnung, die Lebenszeit intensiv zu nutzen. Denn die alte Frau hat „ – leider – Jahre verschlafen“.

Balbina schafft es mit wenigen Bildern, die Gedanken einer Frau am Ende ihres Lebens treffend zu beschreiben. Sensibel für die Erfahrungswelt von Senioren lässt sie die Frau in Bildern sprechen, die von gestern sind: Der Wecker, der im Zeitalter mobiler Endgeräte überflüssig geworden ist. Oder der Wunsch, das Leben „zurückspulen“ lassen zu wollen wie einen Super-8-Film.

Diese literarische Qualität der Texte verbindet Balbina mit prägenden Figuren der deutschsprachigen Popkultur. Die Vergleiche zu Nina Hagen, Element of Crime, Wir sind Helden oder Herbert Grönemeyer, den sie als Voract auf seiner Tournee 2015 begleitete, sind deshalb vollkommen gerechtfertigt. Mich persönlich erinnern einige von Balbinas Lyrics an das hintersinnige Spiel mit Alltagssprache bei Fehlfarben, eine der fast vergessenen Bands der ersten Neuen Deutschen Welle.

Balbina hat recht: Der Wecker ist nicht einfach ein x-beliebiger Alltagsgegenstand, sondern ein ganz besonderer: Denn jeder, der im Zwanzigsten Jahrhundert aufgewachsen ist, kann seine ganz persönliche Weckergeschichte erzählen. Auch wenn es nicht immer gleich die definitive Lebensrückschau sein muss.

Wie viele schillernde Figuren der Popkultur polarisiert Balbina. Entweder findet man ihre Lieder extrem kitschig oder aber tiefsinnig. Urteilen Sie selbst über „Der Wecker ist zu leise“:

Hier geht’s zum Liedtext.

Hier geht’s zum Hörtest.

 

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